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Neujahrsgebet

Herr, setze dem Überfluss Grenzen
und lasse die Grenzen überflüssig werden.

Lass die Leute kein falsches Geld machen,
aber auch das Geld keine falschen Leute!

Nimm den Ehefrauen das letzte Wort
und erinnere die Männer an ihr erstes.

Schenke unseren Freunden mehr Wahrheit
und der Wahrheit mehr Freunde.

Bessere unsere Beamten,
Geschäfts- und Arbeitsleute,
die wohl tätig, aber nicht wohltätig sind.

Gib den Regierenden ein besseres Deutsch
und den Deutschen eine bessere Regierung.

Herr, sorge dafür,
dass wir in den Himmel kommen,
aber nicht sofort.

Dada Romanticism by Markow

Mein Los, es ist dem euren gleich: Das Volk, es fordert seine Wut,
Ich ging, du standst und sahst zur Erden,
All, all, die da blühten am Mühlengraben.
Zuweilen, in die Hand gelegt die Stirne, die rote, flammende Sonne;
Der Berg, der ist mein Eigentum, der Mond, der ist der Buhle,
Wohl dem, der frei von Schuld und Fehle – Brumbrum.
Eichwald, da hört’ ich leis’ und lind die Hand,
An der mein Auge hängt, so starr, als wäre sie aus Stein gehauen.

Vom Tage, Vom Tage,
Ich grub’s als wär’s ein Stück von mir.
Als ich Abschied nahm, als ich Abschied nahm! Mir die Natur!
Als ich Abschied nahm, als ich Abschied nahm, bei der Abendsonne Wandern!
Morgen. Gräbergraber. Grüfte.
Versucht. Das fass’ ich nicht.

Rudiments by Goethe, Schiller, Mörike, Eichendorff and more.

Goethe oder nicht Goethe ?

Vor die Wahl gestellt zwischen Unordnung und Unrecht,
entscheidet sich der Deutsche für das Unrecht.

so oder so ähnlich wird Goethe immer wieder zitiert – weil’s so schön passt.

Richtig heisst es :
“Es liegt nun einmal in meiner Natur,
ich will lieber eine Ungerechtigkeit begehen, als eine Unordnung ertragen”.

Der Unterschied ist marginal, wichtig ist aber,
dass es in der Zwischenzeit auch schon Deutsche gegeben haben soll,
die sich für die Unordnung entschieden haben, um der Ungerechtigkeit zu entgehen.

Xenos, mein Bruder – V

Weitere Begegnungen mit Fremden – die mir übrigens gar nicht mehr so fremd vorkamen – hatte ich regelmässig, als ich anfing, in der Jugendgruppe des Schwäbischen Albvereins Volkstanz zu machen. Eine Gruppe von Jugoslawen (heute vermutlich Kroaten) besuchte uns, wir hatten mehrere gemeinsame Auftritte und tanzten gemeinsam, bei Veranstaltungen, auf Plätzen und in der Halle.
Diese Gruppe wurde, sogar von uns wahrnehmbar, von Funktionären begleitet, die es schwierig machten, sich zu unterhalten, obwohl mehrere der Teilnehmer deutsch sprachen. Privat-Übernachtungen waren nicht vorgesehen, so dass alle gemeinsam in Kirchheim in der Jugendherberge übernachteten.
Alle Überwachungen waren allerdings, wie sich am letzten Morgen herausstellte, vergebens: ein Mädchen aus der jugoslawischen Gruppe konnte sich im Aufbruchsgetümmel absetzen und war für 3 Tage komplett verschwunden – bis die anderen ganz eindeutig wieder in Jugoslawien angekommen waren. Sie war von einem der Zuschauer versteckt worden, und blieb anschliessend in Deutschland.

 

Xenos, mein Bruder – IV

Abgesehen von einem kleinen, nicht wirklich gefährlichen Unfall auf dem Bau blieb mir ein weiteres Ereignis für immer gegenwärtig:
Als Ferienarbeiter, damit als derjenige mit dem geringsten Stundenlohn, war ich zuständig dafür, für alle das Frühstück – auf schwäbisch Vesper – einzukaufen. Zuerst zum Bäcker wegen der Brötchen, dann zu verschiedenen Metzgern, um Wurst und Salami zu kaufen.
Einer der Arbeiter, ein Jugoslawe aus Bosnien (damals noch jugoslawisch), und was mir damals nicht klar war, ein streng gäubiger Muslim, wollte Rindfleisch in der Dose haben, das ich im Kaufladen holen sollte.
Während ich mit den anderen Kollegen meine Einkäufe abrechnete, stellte der Bosnier fest, dass die Rindfleischdose etwa zehn Prozent Schweinefleisch enthielt. Mit Tränen in den Augen erklärte er, das er das nicht essen dürfe. Mir wurde bei dieser Gelegenheit klar, welche tiefgreifende Einflüsse strenge religiöse Verhaltens-Regeln auf Einzelpersonen und auf das gesellschaftliche Leben nehmen können.
Was mich sehr beeindruckte, war, dass selbst die streng katholischen italienischen Kollegen die Betroffenheit des Bosniers respektierten. Sie haben auch immer toleriert, dass er als Muslim sich manchmal anders verhielten, als sie selber.

 

Xenos, mein Bruder – III

Mit vierzehn durfte ich in den Schulferien arbeiten, mit der Intention, mir ein Tonbandgerät zu kaufen. Weil mein Vater den Inhaber einer kleinen Baufirma kannte, war für mich von Anfang an klar, dass Ferienarbeit bei den Bauarbeitern stattfand.
Einer der Bauarbeiter war nicht viel älter als ich. Francesco, ein Junge aus Calabrien freundete sich mit mir an. Ich brachte ihm Deutsch bei, so wie ich es mir vorstellte, er brachte mir Italienisch bei, unterstützt von den älteren italienischen Kollegen, die sich über mein Interesse freuten. Eine Einladung nach Reggio di Calabria konnte ich während der drei Sommerferien auf dem Bau leider nie annehmen.

 

Xenos, mein Bruder – II

Mein nächstes, nur kurzes Erlebnis, im Zusammenhang mit Fremden hatte ich im Alter von etwa elf, als ein Freund meines Bruders und ich uns an eine Wiese an der Autobahn begaben, wo eine grössere Anzahl amerikanischer Soldaten für einen Tag kampierten.
Ich versuchte mich mit meinen wenigen englischen Worten mit ihnen zu unterhalten – was zumindestens als Versuch gelang. Wir wurden von den Soldaten – und aus heutiger Sicht auch von den Offizieren – freundlich aufgenommen. Sie lachten mit uns, sie versuchten mit uns Lieder zu singen.
Am Ende das Nachmittags zogen wir, was von uns nicht beabsichtigt war, beladen mit verschiedensten Konserven und mit Schokolade von dannen.
Dieses Erlebnis war die Basis dafür, dass ich in meinem späteren Leben – als ich die USA schon als einen der Verursacher von vielen Krisen weltweit eingeordnet hatte – immer zu unterscheiden wusste zwischen dem Staat, seiner Macht und seinen Interessen einerseits und den Einwohnern und Bürgern andererseits.

 

Xenos, mein Bruder – I

Meine ersten Erfahrungen mit „Fremden“, an die ich mich, wenn auch nur sehr transparent, erinnern kann, machte ich im Alter von 3 Jahren mit Michael aus (damals noch) Abessinien. Michael war als Praktikant bei der Fiirma „Otto-Webereien“ beschäftigt, und wohnte beim selben Vermieter wie meine Familie, als Untermieter.
Wann immer er Zeit erübrigen konnte, kümmerte er sich um mich. Wenn ich auch nur eine sehr vage bewusste Erinnerung an ihn habe, so verbindet sich für mich mit seinem Namen ein ganz ganz angenehmes, positives Gefühl.